Im Wallis sind die meisten Stauseen voll, in Graubünden und im Tessin hingegen fehlt Wasser: Wenige Wochen vor Winterbeginn zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Regionen mit und ohne Gletscher. Die Situation verdeutlicht, dass wir uns auf stärkere Schwankungen bei den Wasserzuflüssen einstellen müssen – je nach Jahreszeit, Jahr und Einzugsgebiet. Dazu braucht es insbesondere den Ausbau der Wasserkraft und zusätzliche Möglichkeiten, Wasser dann zu speichern, wenn es verfügbar ist, um Strom zu produzieren, wenn die Schweiz ihn benötigt.
Das Jahr 2026 war ausgesprochen niederschlagsarm. Dennoch präsentierten sich die Füllstände der Stauseen nicht überall gleich. Im Wallis profitierten die Stauseen, in deren Einzugsgebiet sich Gletscher befinden, von grossen Schmelzwassermengen. Daher sind die Stauseen von Grande Dixence, Emosson und Moiry Ende Oktober und mit dem Einsetzen tieferer Temperaturen voll. Gleichzeitig weist der Stausee von Salanfe, dessen Einzugsgebiet kaum noch vergletschert ist, einen tiefen Füllstand auf. In Graubünden und im Tessin bleibt das Wasserdefizit ausgeprägt.
Diese Gegensätze dürfen jedoch nicht über eine grundlegende Entwicklung hinwegtäuschen. Die Gletscherschmelze hat die Zuflüsse in diesem Sommer zwar gestützt, zehrt dabei aber von einer über Jahrhunderte entstandenen Eisreserve. Mit dem Rückzug der Gletscher wird diese Funktion als natürlicher Speicher abnehmen. Künftig müssen deshalb stärker schwankende Wasserzuflüsse bewirtschaftet werden – je nach Jahreszeit und Einzugsgebiet. «Künftig können in kurzen Zeiträumen grössere Wassermengen anfallen, insbesondere im Frühling oder bei starken Niederschlägen. Gleichzeitig werden die Zuflüsse im Sommer unsicherer», sagt Michaël Plaschy, Leiter Wasserkraftproduktion bei Alpiq. «Ohne ausreichende Kapazitäten kann ein Teil dieses Wassers nicht für den Winter gespeichert werden.»
Gebidem Stausse
Storing more water to generate electricity in winter
Konkret bedeutet das: Mit der Erhöhung der Staumauern von Moiry und Emosson könnten zusätzliche Wasserreserven für den Winter gespeichert werden. Oberhalb von Zermatt verfolgt das Projekt des Mehrzweckspeichers Gornerli ein ergänzendes Ziel: Das Wasser der Gornera soll besser gefasst und gespeichert werden, damit es in den Anlagen von Grande Dixence genutzt werden kann. Gleichzeitig soll der Speicher Zermatt und das Mattertal vor Hochwasser schützen und Wasserreserven für weitere Nutzungen bereitstellen.
«Dieser Sommer veranschaulicht, weshalb wir diese Projekte entwickeln. Mit dem Klimawandel werden die Wasserzuflüsse stärker schwanken. Deshalb müssen wir Wasser speichern, wenn es verfügbar ist, um Strom zu produzieren, wenn der Bedarf am höchsten ist, insbesondere im Winter», sagt Michaël Plaschy.
Diese Projekte können den Rückzug der Gletscher nicht ausgleichen. Sie ermöglichen jedoch, die verfügbare Wassermenge über die Zeit besser zu bewirtschaften. Die aktuelle Situation bestätigt zudem die Bedeutung einer integrierten, multifunktionalen Wasserbewirtschaftung. Diese berücksichtigt gleichzeitig die Stromproduktion, die Trinkwasserversorgung, die Bewässerung, den Hochwasserschutz und die Bedürfnisse der Umwelt.
Gougra Stausee
Gebidem und Gornera: Wasser, das nicht genutzt werden konnte
Der Gebidem-Stausee im Oberwallis ist ein vergleichsweise kleiner Speicher, der vom grossen Aletschgletscher gespeist wird. Die Wasserzuflüsse erreichten 2026 einen Rekordwert von etwas mehr als 130 m³/s, was sich auch in der Produktion niederschlug. Allerdings konnte nicht das gesamte Wasser genutzt werden – die Überläufe im Jahr 2026 entsprechen einem entgangenen Produktionspotenzial von 20 GWh. Dieses ungenutzte Potenzial ist kleiner als in anderen Jahren. Es veranschaulicht jedoch, welch grosse Wassermengen innerhalb kurzer Zeit anfallen können.
Ein weiteres Beispiel findet sich im Einzugsgebiet von Grande Dixence: An der Wasserfassung der Gornera oberhalb von Zermatt konnte nur knapp 70 Prozent des Wassers gefasst werden. Mehr als 30 Prozent des Wassers, was einer potenziellen Stromproduktion von mehr als 200 GWh entspricht, blieb ungenutzt. Mit dem künftigen Mehrzweckspeicher Gornerli, der über ein Speichervolumen von 120 Millionen m³ verfügen und eine Winterenergiereserve von 550 GWh bieten wird, hätte dieses Wasser gespeichert und zur Stromproduktion genutzt werden können.
Für diesen Winter: Reserven und eine umsichtige Bewirtschaftung
Die Wasserkraftproduktion von Alpiq dürfte 2026 unter dem langjährigen Durchschnitt liegen. Dass einzelne Stauseen tiefere Füllstände aufweisen, sollte aber nicht als Vorzeichen auf eine Strommangellage in diesem Winter gedeutet werden. Die grossen Walliser Stauseen, die weiterhin stark von Gletschern gespeist werden, verfügen über bedeutende Reserven. Diese können genutzt werden, wenn das Stromsystem sie benötigt.
«Unsere Stromversorgung in der Schweiz stützt sich auf den gesamten Kraftwerkspark und auf den Austausch mit den Nachbarländern. Unsere Stauseen leisten dazu einen wesentlichen Beitrag, weil sie Strom genau dann produzieren können, wenn er benötigt wird», sagt Michaël Plaschy. «Aufgrund geopolitischer Risiken und der in diesem Jahr tieferen Gasreserven in Europa könnte sich die Preissituation am Markt jedoch anspannen.»
Der Ausbau der inländischen Speicherkapazitäten ist deshalb eine langfristige Investition: Er schafft mehr Flexibilität im Umgang mit hydrologischen Schwankungen und stellt während der kalten Jahreszeit mehr Energie bereit.