Das Kernkraftwerk Gösgen (KKG) produziert seit dem 23. März 2026 nach einem längeren, ungeplanten Ausfall wieder Strom. Im Interview mit Alexander Puhrer, Leiter des Geschäftsbereichs “Nuclear Power Generation” bei Alpiq und Geschäftsleiter des KKG, sprechen wir über die Gründe des ausserordentlichen Stillstands, die Wiederinbetriebnahme und die Anforderungen an den Langzeitbetrieb für das Kraftwerk.
Alexander, das Kernkraftwerk Gösgen (KKG) ist kürzlich nach einem 10-monatigen Stillstand – 9 Monate davon ungeplant – wieder ans Netz gegangen. Was waren die Gründe für den Stillstand und was wurde seither unternommen?
Zunächst möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen, die zum Wiederanfahren des KKG beigetragen haben, ganz herzlich bedanken. Dieser Stillstand stellt ein ausserordentliches und sehr forderndes Ereignis für das KKG und seine Aktionäre dar, und es ist der grossen Motivation und Kompetenz der Mitarbeitenden zu verdanken, dass das Kernkraftwerk nun wieder in Betrieb ist und Strom in das Schweizer Stromnetz liefert.
Zum Geschehen: Das KKG hat eine mögliche Auslegungsschwachstelle, die zu einer Überlastung des Speisewasser-Rohrleitungssystems führen könnte, entdeckt. Dieser Befund bedeutet, dass in einem sehr seltenen Störfallszenario bei einem Rohrbruch im nicht-nuklearen Teil der Anlage Folgeschäden auftreten könnten. Deshalb forderte die Aufsichtsbehörde ENSI, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat, umfangreiche sicherheitstechnische Nachweise, die belegen, dass das KKG die Sicherheitsanforderungen erfüllt. Das KKG entschied sich, neben den Nachweisen, zusätzliche Modernisierungs- und Ertüchtigungsmassnahmen im Speisewassersystem umzusetzen. Insbesondere wurden die ungedämpften Rückschlagklappen mit gedämpften Rückschlagventilen ersetzt. Diese Modernisierungsarbeiten wurden mittlerweile abgeschlossen und die geforderten Nachweise erbracht.
Was hatte dieser längere, ungeplante Ausfall für finanzielle Folgen?
Alpiq ist mit einem Anteil von 40 Prozent die grösste Aktionärin der Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG. Der längere Produktionsausfall summiert sich auf mehr als 500 Millionen CHF für alle Aktionäre. Der Anteil für Alpiq beläuft sich auf rund 200 Millionen CHF. Das belastet unser Ergebnis natürlich stark.
Was hat Alpiq gemacht, um den nicht produzierten Strom zu ersetzen?
Das KKG liefert als Partnerwerk seinen Aktionären anteilmässig Strom, den diese in ihr Portfolio übernehmen und vermarkten. Alpiq musste die fehlende Strommenge am Markt zu aktuellen Konditionen beschaffen, um die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden zu erfüllen. Positiv war die hohe Verfügbarkeit der Kernkraftwerke in Frankreich – insbesondere im Winter. Dies war für die Schweiz entscheidend, da dadurch zusätzliche Energieimporte möglich wurden. Immerhin liefert das KKG jährlich rund 13% der Schweizer Stromproduktion – die haben über die vergangenen 10 Monate im Strommix gefehlt. Dieser Fall zeigt auch den Wert der europäischen Integration für die Versorgungssicherheit der Schweiz. Unser Asset Trading ist europaweit vernetzt, und diese grenzüberschreitende Integration war entscheidend, um die Auswirkungen des verlängerten Ausfalls zu minimieren. Regulierten Zugang zum europäischen Strommarkt zu haben – beispielsweise durch ein Stromabkommen mit der EU – ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern für die Versorgungssicherheit essenziell. Nur als Teil eines integrierten Marktes können wir unsere Anlagen effizient einsetzen und Versorgungslücken wirksam überbrücken.
Für die Stromversorgung insbesondere im Winter hat der Langzeitbetrieb bestehender Kraftwerke einen grossen Wert.
Hat der längere ungeplante Stillstand auch Auswirkungen auf die Pläne für den Langzeitbetrieb des KKG – respektive was braucht es, damit die bestehenden Anlagen möglichst lange am Netz bleiben können?
Mit Blick auf die Herausforderungen bei der Stromversorgung, insbesondere im Winter, hat der Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke einen grossen Wert und hohe Priorität. Für den sicheren Langzeitbetrieb sind bedeutende Investitionen notwendig, die gegen politische, regulatorische und wirtschaftliche Risiken abgewogen werden müssen. Das Kernkraftwerk Gösgen befindet sich seit fünf Jahren im Langzeitbetrieb und hat in den letzten Jahren zuverlässig und praktisch störungsfrei Strom produziert. Der aktuelle Plan für das KKG basiert auf einer Betriebsdauer von 60 Jahren. Derzeit wird analysiert, was es für den möglichen Langzeitbetrieb über 60 Jahre hinaus brauchen würde. Eines wissen wir bereits: Aus technischer und sicherheitstechnischer Sicht ist ein Betrieb über 60 Jahre hinaus möglich. Nun prüfen wir, was dies aus wirtschaftlicher und regulatorischer Sicht bedeuten würde. Zur Sicherung des Langzeitbetriebs müssten unter anderem entsprechende risikomindernde Rahmenbedingungen geschaffen werden.
In welchem Zusammenhang steht die aktuelle Debatte um die Aufhebung des Neubauverbots von Kernenergieanlagen mit dem Langzeitbetrieb und was ist die Haltung von Alpiq dazu?
Alpiq unterstützt den Ansatz, für die Sicherstellung der langfristigen Versorgungssicherheit sämtliche klimaneutralen Handlungsoptionen offen zu halten. Hierzu zählt auch die Aufhebung des Neubauverbots von Kernkraftwerken. Wir befürworten entsprechend die Technologieoffenheit und damit den indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats zur sogenannten «Blackout-Initiative». Die Technologieoffenheit ist auch wichtig für den sicheren Langzeitbetrieb der bestehenden Anlagen aufgrund von Fachkräfte-, Know-how- und Lieferkettensicherung. Für Alpiq stellt sich die Frage eines Neubaus im aktuellen Umfeld und mit den derzeitigen regulatorischen Rahmenbedingungen nicht.