«Wer früh plant, kann vorausschauend handeln»
Die Gletscherschmelze ist kein abstraktes Zukunftsszenario mehr. Sie verändert bereits heute, wie viel Wasser in den Alpen fliesst. Marjorie Perroud, Umweltprojektleiterin bei Alpiq, erklärt, warum das nicht nur Energieproduzenten betrifft, was Gemeinden und Unternehmen jetzt tun können und warum Wasserkraftanlagen dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Der Klimawandel verändert die Wasserverfügbarkeit in den Alpen. Wen betrifft das ausser den Energieproduzenten?
Eigentlich alle, die im Alpenraum Wasser nutzen. Gemeinden, die Trinkwasser aus alpinen Quellen beziehen. Landwirtschaftliche Betriebe, die auf Bewässerung angewiesen sind. Tourismusunternehmen, die Kunstschnee produzieren oder Bergbäche als Naturerlebnis vermarkten. Und Regionen, die sich aufgrund der häufigeren Starkniederschläge besser vor Hochwasser und Murgängen schützen müssen.
Wie dringend ist der Handlungsbedarf? Wir sprechen ja von Entwicklungen, die sich über Jahrzehnte erstrecken.
Die Wasserflüsse, die wir heute kennen, können sich bis 2050 stark verändern – in Menge, Zeitpunkt und Intensität. Wer auf das Wasser angewiesen ist, tut gut daran, sich heute damit zu befassen, wie sich sein Einzugsgebiet entwickeln wird. Denn wer früh plant, kann vorausschauend handeln, statt später reagieren zu müssen.
Was können Gemeinden und Unternehmen konkret tun? Haben sie überhaupt Handlungsspielraum?
Ja, genau da liegt die Chance der Multifunktionalität: Wasserkraftanlagen sind nicht nur Kraftwerke, die Strom produzieren. Sie sind Infrastrukturen, die Wasser speichern, regulieren, verteilen und schützen können; und zwar für viele Zwecke gleichzeitig. Stauseen, die heute Strom produzieren, können morgen auch Trinkwasser sichern, Hochwasser puffern oder Bewässerung ermöglichen.
Was ist die Voraussetzung dafür, dass diese Mehrfachnutzung funktioniert?
Das gelingt nur, wenn die verschiedenen Bedürfnisse frühzeitig koordiniert werden zwischen Energieproduzenten, Bund, Kantonen, Gemeinden und weiteren Nutzenden. Es braucht einen gemeinsamen Blick auf die Ressource Wasser. Die Prognosen der Wasserzuflüsse ermöglichen uns eine ganzheitliche Betrachtung und Priorisierung.
Macht Ihnen das Gletschersterben persönlich Sorgen oder überwiegt bei Ihnen die Zuversicht?
Beides. Der Abschied von den Gletschern scheint aktuell leider unvermeidlich. Aber wie die Schweiz mit diesem Verlust umgeht – ob vorausschauend oder reaktiv – das liegt in unseren Händen. Und da bin ich durchaus zuversichtlich, wenn ich sehe, wie viel Kompetenz und Engagement in diesem Thema stecken.