Versorgungssicherheit

«Das Stromabkommen ist zentral für die Versorgungssicherheit der Schweiz»

12.05.2026, 10:00 | Versorgungssicherheit

Julia Engel, Spezialistin für Energiepolitik bei Alpiq, erklärt im Interview, warum die Bilateralen III und insbesondere ein Stromabkommen mit der EU für die Schweiz entscheidend sind – wirtschaftlich und energiepolitisch.

Julia, die Schweiz hat mit der EU die sogenannten Bilateralen III ausgehandelt. Zurzeit berät das Bundesparlament darüber, danach wird es eine Volksabstimmung geben.  Warum ist ein geregeltes Verhältnis zur EU gerade jetzt so wichtig?

Die Schweiz ist wirtschaftlich, gesellschaftlich und energiepolitisch eng mit Europa verflochten. Der bilaterale Weg hat sich über Jahre bewährt, weil er uns einerseits in Bereichen, in denen es der Schweiz nützt, Zugang zum europäischen Binnenmarkt verschafft. Andererseits wahrt er die Besonderheiten unseres politischen Systems, die direkte Demokratie und den Föderalismus. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheit ist ein verlässlicher, geregelter Rahmen mit unserer wichtigsten Partnerin ein überaus wertvolles und schützenswertes Gut. Ohne diese Abkommen drohen Rechtsunsicherheit und letztlich Standortnachteile für die Schweiz.

Ein neues Element der Bilateralen III ist das Stromabkommen. Weshalb braucht die Schweiz aus energiepolitischer Sicht ein solches Abkommen?

Die Schweiz ist zwar physikalisch eng in das europäische Stromsystem integriert, wir sind aber nicht Teil des EU-Strombinnenmarkts. Dadurch sind wir rechtlich nicht eingebunden – die Zusammenarbeit steht auf wackligen Füssen. Der Strom fliesst täglich in beide Richtungen über die Grenzen, doch im Winter ist die Schweiz dauerhaft auf Importe angewiesen, weil wir dann selbst nicht genügend Strom produzieren. Heute können die Nachbarländer die für den Handel verfügbare Strommenge beschränken. Mit einem Stromabkommen werden die Importmöglichkeiten gesichert. Das stärkt die Versorgungssicherheit insbesondere im Winter. Zudem sind die Kosten zur Gewährleistung der Stromversorgung mit Stromabkommen niedriger als ohne.

Das Stromabkommen ist ausserdem für den stabilen Betrieb unseres Übertragungsnetzes zentral. Stromflüsse müssen vorhersehbar und planbar sein. Die Nachbarländer arbeiten eng zusammen, doch unsere Netzbetreiberin, die Swissgrid, ist heute in vielen Bereichen aussen vor. Mit dem Stromabkommen ist auch die Schweiz in die Koordinationsprozesse für den Netzbetrieb eingebunden, das senkt die Risiken für den Netzbetrieb. Ein verbindliches Stromabkommen schafft also auch in Sachen Netzstabilität verlässliche Rahmenbedingungen und sichert die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern langfristig ab.

Kurz gesagt: Ein Stromabkommen schafft Rechtssicherheit, stärkt die Versorgungssicherheit und Netzstabilität – und senkt gleichzeitig die Systemkosten. Volkswirtschaftlich gesehen bringt das Stromabkommen enorme Vorteile für die Schweiz.

Ein Stromabkommen stärkt die Versorgungssicherheit und Netzstabilität – und senkt gleichzeitig die Systemkosten.

Julia Engel, Public Affairs Specialist bei Alpiq

Kritikerinnen und Kritiker befürchten steigende Preise oder den Verlust des Service Public. Inwieweit sind diese Sorgen berechtigt?

Diese Sorgen kann ich nicht nachvollziehen – im Gegenteil: Das Stromabkommen wird für stabile Preise sorgen, weil die Kosten für die Winterversorgung und die Netzstabilität sinken werden, wie ich oben schon erläutert habe. Erfahrungen aus der EU zeigen zudem, dass Wettbewerb langfristig zu mehr Effizienz und fairen Preisen führt.

Es wird auch mit der Marktöffnung für Haushalte und kleinere Unternehmen eine regulierte Grundversorgung, ähnlich wie heute, geben. Gleichzeitig erhalten alle Konsumentinnen und Konsumenten das Recht, ihren Stromanbieter frei zu wählen – wer das nicht möchte, muss nichts machen, man bleibt einfach in der Grundversorgung.

Auch die Befürchtungen bezüglich Service Public sind unbegründet. Die bestehende Struktur aus Energieversorgungsunternehmen in öffentlicher Hand kann wie gehabt bestehen bleiben.

Der Bundesrat betont insbesondere die Versorgungssicherheit. Was bedeutet das konkret für die Schweiz?

Ergänzend zu dem oben Gesagten: Versorgungssicherheit heisst, dass Strom jederzeit zuverlässig verfügbar ist – auch in Extremsituationen. Mit dem Ausbau von Solar- und Windenergie nehmen Produktionsschwankungen zu, die sich am besten in einem grossen, vernetzten System ausgleichen lassen. Das Stromabkommen ermöglicht der Schweiz, gleichberechtigt an den europäischen Mechanismen zur Netzstabilität teilzunehmen und Engpässe besser zu bewältigen. Ohne Abkommen müssten wir teure nationale Alleingänge wie zusätzliche Reservekraftwerke in Kauf nehmen, was weder wirtschaftlich noch klimapolitisch sinnvoll ist.

Welche wirtschaftlichen Vorteile bringt ein Stromabkommen für die Schweiz und ihre Unternehmen?

Ein gesicherter Marktzugang schafft Planbarkeit – für Investitionen, für den Handel und für den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Schweizer Stromwirtschaft kann ihre Stärken, etwa bei Wasserkraft und Flexibilität, im europäischen Markt einbringen. Gleichzeitig profitieren Industrie und Gewerbe von stabileren Preisen und höherer Versorgungssicherheit. Insgesamt stärkt das Stromabkommen den Wirtschaftsstandort Schweiz und reduziert langfristig systemische Kosten der Energieversorgung.

Warum unterstützt Alpiq als Energieunternehmen diesen Kurs ausdrücklich?

Alpiq steht für eine sichere, nachhaltige und wirtschaftlich effiziente Energieversorgung. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und eine enge Zusammenarbeit mit Europa. Ein Stromabkommen sorgt für klare Regeln, gleich lange Spiesse im Markt und eine bessere Integration erneuerbarer Energien. Für uns ist klar: Eine vernetzte Schweiz im Herzen Europas ist energiepolitisch stärker und resilienter als ein isolierter Sonderweg. Deshalb unterstützen wir das Stromabkommen mit der EU.

 

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