Eine sichere Energieversorgung setzt voraus, globale Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und ihre Auswirkungen auf Energiesysteme einzuordnen. Wetterphänomene wie El Niño zeigen eindrücklich, wie eng Wetter, Lieferketten und Energiemärkte heute miteinander verknüpft sind: Ereignisse auf der anderen Seite der Welt können Transportwege beeinflussen, Märkte bewegen und damit indirekt auch die Energieversorgung in Europa prägen. Für Alpiq gehört es deshalb dazu, solche Zusammenhänge zu analysieren und ihre Relevanz für die Energiebranche zu verstehen. Im Interview erklärt Alpiq-Meteorologe Martin Bolliger, weshalb El Niño weit mehr als ein Wetterphänomen ist und was es über die Chance und Herausforderungen eines zunehmend vernetzten Energiesystems verrät.
Von einem möglichen „Super-El-Niño“ ist derzeit oft die Rede. Was genau macht dieses Wetterphänomen so aussergewöhnlich und weshalb beschäftigen sich weltweit Meteorologen wie Du damit?
El Niño ist eine gekoppelte Wetter-Ozean-Anomalie im tropischen Pazifik, welche alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Dabei führt eine starke Erwärmung der pazifischen Meerestemperatur zu veränderten atmosphärischen Strömungsmustern. Das Resultat ist das Auftreten von Wetteranomalien – weltweit. Konkrete Beispiele wären Starkniederschläge in Südamerika, weniger tropische Wirbelstürme im Atlantik und die Tendenz zu global wärmeren Temperaturen. Zurzeit verstärkt sich der jetzige El Niño und wird den Peak der Intensität wohl Ende Jahr erreichen.
Was in diesem Jahr speziell ist: der jetzige El Niño ist extrem stark im Vergleich zu historischen Ereignissen – das bedeutet ein erhöhtes Risiko für globale Wetterextreme. Ein starker El Niño definiert sich durch eine aussergewöhnlich starke Erwärmung des Meeres im zentralen und östlichen Pazifik mit einer Magnitude von über zwei Grad Celsius gegenüber dem langjährigen Mittel.
Für uns Meteorologen im Energiesektor sind El-Niño-Ereignisse von grosser Bedeutung, da sie das Wetter weltweit beeinflussen und sich somit auf die globalen, miteinander verflochtenen Energiemärkte auswirken.
Europa liegt nicht im direkten Einflussbereich von El Niño. Welche Folgen könnte ein starkes El-Niño-Ereignis dennoch auf das Wetter in der Schweiz haben?
Die statistischen Zusammenhänge zwischen dem Auftreten eines El Niños und dem europäischen Wetter sind schwach. Der Grund dafür ist, dass El Niño in den Tropen des Pazifiks stattfindet. Seine Auswirkungen müssten also den Weg nach Europa finden. Aber das ist ein weiter Weg und dazwischen gibt es viele Störfaktoren, die ein potenzielles Signal abschwächen könnten. Ich wäre deshalb auch vorsichtig zu sagen, dass die diesjährige Dürre- und Hitzeperiode in Europa mit dem sich immer noch verstärkenden El Niño gekoppelt ist.
Aber was wir feststellen können und was sehr gut mit historischen Beobachtungen übereinstimmt: ein El Niño reduziert die atlantischen Wirbelstürme (Hurrikane). Das ist zurzeit klar der Fall. Diese Wirbelstürme haben zudem oft die Tendenz, über dem Atlantik abzudrehen und werden dann in die Westwind-Zone eingebettet. Und diese Einbettung von ursprünglich tropischen Systemen über dem Atlantik kann dann in Europa zu einer hohen Vorhersage-Unsicherheit des Wetters führen, beispielsweise ob viel oder wenig Wind kommt. Zwar sind wir dieses Jahr von dieser Vorhersage-Unsicherheit nicht gänzlich befreit, aber es ist wesentlich entspannter.
El Niño ist nicht nur ein Wetter-, sondern auch ein Energiethema. Wie können Dürren, Hitzewellen und veränderte Niederschlagsmuster die globale Stromversorgung und die Energiemärkte beeinflussen?
Für uns Meteorologen im Energiesektor sind El Niño-Ereignisse bedeutend, weil sie weltweit einen Einfluss auf das Wetter haben. Und das Wetter wiederum beeinflusst die Energiemärkte, da diese global stark vernetzt sind. Seit dem Ukraine-Krieg hat der weltweite Gas-Transport von Flüssiggas (LNG) mit Tankern zunehmend an Bedeutung gewonnen. Und auch hier spielt das Wetter eine Rolle und beeinflusst Lieferketten.
Ein Beispiel: der Gatún-See, ein künstlicher See in Panama, verbindet für den Schiffverkehr den Atlantischen Ozean mit dem Pazifischen. Während El Niño-Ereignissen wird in dieser Region jedoch weniger Niederschlag registriert, was sich auf den Wasserstand des Gatún-Sees auswirkt. Während des El Niño 2023/2024 fiel der Wasserstand so tief, dass weniger Schiffe den Panamakanal passieren konnten. Die Folge war eine gestörte Lieferkette für Schiffsgüter. Dies führte zu höheren Transportkosten, da viele Schiffe Umwege um das Cap Horn in Kauf nehmen mussten. Zurzeit sieht die Lage dort eher entspannt aus, es gab dort bisher - trotz El Niño - genügend Niederschlag. Was zeigt: die genauen Auswirkungen eines El Niño-Ereignisses können verschieden sein.
Wie hängen El Niño und der globale Klimawandel tatsächlich zusammen und können sich ihre Auswirkungen gegenseitig verstärken?
Eine spannende Frage – deren Beantwortung ich lieber den Wissenschaftern überlassen möchte. Der Grund: Zurzeit beschleunigen sich die Auswirkungen des Klimawandels und überlagern sich mit den natürlichen Wetter-Schwankungen wie sie beispielsweise bei einem El Niño vorkommen können. Die Frage ist nun, wie interagiert der Klimawandel mit den natürlichen Wetterschwankungen? Gibt es in gewissen Regionen eine Verstärkung von Anomalien oder gar eine Abschwächung?
Erschwerend ist ausserdem die Ausprägung der Anomalien. Je extremer - wie beim diesjährigen El Niño - desto schwieriger die Einordnung der Auswirkungen in einen historischen Kontext. Dies bedeutet: Sehr wahrscheinlich kann man die Wetter-Signale eines historisch ähnlich starken El Niños vom letzten Jahrhundert nicht eins zu eins auf die heutige Zeit übertragen, da die Atmosphäre heute in einem anderen Zustand ist.