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Wie steht es um die Energiewende?

Will die Schweiz in Zukunft die Versorgungssicherheit gewährleisten und die Ziele beim Klimaschutz erreichen, muss die Stromproduktion aus erneuerbarer Energie deutlich ausgebaut werden. Was haben wir hier bereits erreicht? Welche Potenziale gilt es noch zu nutzen? Eine Analyse zum Ausbau von PV-, Wind- und Wasserenergie.

Strommangellage war das Wort des Jahres 2022 in der Deutschschweiz. Was zuvor undenkbar war, wurde plötzlich realistisch. Eine Strommangellage ist das Szenario, in welchem nicht mehr genügend Strom verfügbar ist, um den Bedarf in der gesamten Schweiz zu decken. In diesem Fall müsste der Strom rationiert werden. Weshalb es so weit gekommen ist, wurde hinlänglich diskutiert: Der Ausfall zahlreicher französischer Kernkraftwerke, der stark gestiegene Energiebedarf durch die rasche Erholung der Wirtschaft nach der Covid-19-Pandemie und in grossem Ausmass auch die geopolitische Situation, welche Ende Februar 2022 im Angriff Russlands auf die Ukraine gipfelte und als Krieg auch anhält.

Innert kürzester Zeit wurde Strom zum raren Gut. Politik, Wirtschaft und zum Teil auch die Gesellschaft wurden sich bewusst, wie stark ein Land auf eine sichere, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung angewiesen ist. Die Schweiz wurde plötzlich verletzlich und das hat den Handlungsbedarf offensichtlich gemacht. So hatte der Bundesrat zum Beispiel die Wasserkraftreserve für die kritischen Wintermonate bereits für den Winter 22/23 eingeführt und damit etwas vorgezogen. Mit der Winterreserve soll vor allem die Stromversorgung in der zweiten Winterhälfte sichergestellt werden. Auch für den Winter 23/24 wurden wieder 400 GWh Energie in den Stauseen als Wasserkraftreserve gespeichert. Weil der Bau neuer Kraftwerke in der Regel weit über ein Jahrzehnt in Anspruch nimmt, hat der Bundesrat zudem via Notrecht ein fossiles Reservekraftwerk bauen lassen, das bis 2026 in kritischen Phasen zusätzliche Leistung zur Verfügung stellen würde.

Gleichzeitig wurde in der politischen Debatte der Ausbau der erneuerbaren Energien stark vorangetrieben. Die eidgenössischen Räte haben im September 2023 den sogenannten Mantelerlass beschlossen. Dieser stellt zentrale Weichen für den schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und Speichermöglichkeiten in der Schweiz. Dazu gehören insbesondere die Wasserkraftprojekte des runden Tisches, die höhere Gewichtung des Nutzungsinteresses bei grossen PV-, Wind- und Wasserkraftanlagen von nationalem Interesse sowie die Verbesserung der Bewilligungsfähigkeit von Anlagen ausserhalb von Bauzonen. In Kraft ist das Gesetz noch nicht. Gegen den Mantelerlass wurde im Oktober das Referendum ergriffen, so wird im kommenden Jahr wahrscheinlich das Volk das letzte Wort haben.

Ausbau der Produktion dringend

Das Szenario Strommangellage zeigte auf, dass die Schweiz in der Vergangenheit sehr stark darauf aufgebaut hat, im Winter immer genügend Strom importieren zu können. Diese Import- und damit Auslandsabhängigkeit zu verringern, muss vor allem für die Wintermonate ein Ziel sein. Will die Schweiz in Zukunft die Versorgungssicherheit gewährleisten können und die Ziele beim Klimaschutz erreichen, muss die Stromproduktion aus erneuerbarer Energie deutlich ausgebaut werden können. Dazu müssen Politik, Wirtschaft und auch die Gesellschaft an einem Strang ziehen. 

Strombedarf steigt trotz höherer Energieeffizienz

Auch durch die Dekarbonisierung bei Heizungen und im Verkehr wird der jährliche Strombedarf in der Schweiz bis 2050 von rund 60 Terrawattstunden (TWh) auf rund 90 TWh steigen. Das bedeutet: Wasser-, Solar- und Windkraft müssen eine zusätzliche Stromproduktion von rund 30 TWh abdecken,einen wesentlichen Teil davon im Winterhalbjahr. Außerdem wird es darum gehen, des gesamten Kraftwerkspark zu erneuern und zu optimieren sowie die Speicherkapazitäten auszubauen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie «Energiezukunft 2050», die der Branchenverband VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) und seine Mitgliedsunternehmen zusammen mit der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) erarbeitet haben.

Die Schweizer Bevölkerung unterstützt den Kurs, wie eine repräsentative Umfrage des Schweizer Meinungsforschungsinstitut gfs.bern vom Frühjahr 2023 im Auftrag des VSE zeigt: Die Schweizer Bevölkerung befürwortet mit grosser Mehrheit den inländischen Ausbau der erneuerbaren Energien, weil dies die Versorgungssicherheit stärkt, die Auslandsabhängigkeit verringert und den Klima- und Umweltschutz fördert.

Wo also stehen wir derzeit in der Schweiz? Was haben wir bei den erneuerbaren Energien bereits erreicht? Welche Herausforderungen gilt es noch zu meistern? Welche Ausbaupotenziale sind zu nutzen? Dazu blicken wir in die Zahlen der vergangenen Jahre. Der Strommix der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren nur unwesentlich verändert:

Entwicklung Photovoltaik

Bei der Solarenergie verzeichnete die Schweiz gemäss der letzten «Statistik Sonnenergie 2022» vom Bundesamt für Energie für das Berichtsjahr erneut einen markanten Anstieg der Photovoltaik-Zubauten. Gegenüber 2021 stieg der Zubau um 60 Prozent auf einen neuen Rekordwert von über 1100 MW. Der Markt wuchs damit im dritten Jahr in Folge um mehr als 40 Prozent in allen Segmenten und umfasst heute schweizweit rund 200'000 Photovoltaik-Anlagen. Gemäss Statistik waren per Ende 2022 in der Schweiz Solarpanels mit einer Leistung von 4,74 Gigawatt (GW) installiert. Sie lieferten im Jahresverlauf fast sieben Prozent des Schweizer Strombedarfs, heisst es vom Branchenverband Swissolar. Für das laufende Jahr rechnet der Branchenverband erneut mit einem Rekordzubau. Zwischen 1300 und 1400 MW sollen zugebaut werden, womit die installierte Leistung auf rund 6 GW ansteigen dürfte.

Neben dem weiteren Ausbau von privaten, gewerblichen oder öffentlichen Anlagen im urbanen und ländlichen Raum wird künftig insbesondere die alpine Photovoltaik eine gewichtige Rolle spielen. Dabei geht es vor allem darum, die Produktion in den Wintermonaten zu erhöhen. Grossflächige Solaranlagen im Hochgebirge, wo im Winter oft intensiv die Sonne scheint, können für die Energiewende einiges bewirken und die Stromproduktion fürs Winterhalbjahr massgeblich unterstützen. Projekte im alpinen Bereich wie etwa Gondosolar im Wallis, an dem Alpiq beteiligt ist, entwickeln innovative Anlagedesigns für eine möglichst optimale Integration in die sensible Bergwelt. Sie setzen damit hohe Standards puncto Umwelt- und Naturverträglichkeit für den Landschaftsschutz.

Entwicklung Windenergie

In der Schweiz sind momentan nur 47 Anlagen in Betrieb. Gerade im Oktober 2023 ging in der Waadtländer Gemeinde Sainte-Croix der jüngste Windpark ans Netz. 6 neue Turbinen gingen nach 25-jährigem Projektierungs-, Bewilligungs- und Bauprozess in Betrieb. Zuletzt war 2020 ein Windpark auf dem Gotthardpass mit 5 neuen Turbinen in Betrieb gegangen. Der Anteil an Windenergie in der Schweiz ist im europäischen Vergleich verschwindend gering. Allein in den Nachbarländern sind mehr als 7000 Anlagen am Netz.

 

Die Schweiz kein Windland?

Gemäss einer BFE Studie im August 2022 ist das Potenzial deutlich grösser als lange angenommen wurde. Es gibt hierzulande genügend geeignete Standorte. Die unterschiedlichen Windaufkommen in den Schweizer Regionen ergänzen sich, so dass stets an einem oder mehreren Orten Windstrom produziert werden kann. Zudem produzieren die Anlagen rund 60 Prozent ihres Stroms in den Wintermonaten und kompensieren damit die Solar- und Laufwasserkraft im Winter, die – mit Ausnahme von alpinen Photovoltaikanlagen – genau dann, wenn die Stromnachfrage in der Schweiz am höchsten ist, weniger produzieren. Auf rund drei TWh schätzt die Studie «Energiezukunft 2050» des VSE den Beitrag zur Stromversorgung.

Umso wichtiger ist daher das Signal, das die Schweizer Politik im Sommer 2023 mit dem Windexpress gesetzt hat. Das Bundesgesetz sieht vor, dass Bewilligungsverfahren für Windenergieanlagen beschleunigt werden. Vorgesehen ist, dass künftig bei weit fortgeschrittenen Windenergieprojekten die kantonalen Behörden die Baubewilligung erteilen, anstatt wie bisher die Gemeinden. Weiter soll es nur noch eine Beschwerdeinstanz beim obersten kantonalen Gericht geben. Die Beschleunigung soll für Windenergieanlagen von nationalem Interesse gelten, die eine Jahresproduktion von 20 GWh oder mehr aufweisen. Die beschleunigten Verfahren sollen zudem nur so lange gelten, bis schweizweit eine zusätzliche Leistung von 600 MW Windenergie im Vergleich zum Jahr 2021 installiert ist. Vom Windexpress profitieren zunächst einzelne Projekte im Jura, in der Waadt und im Wallis. Trotz dieser Fortschritte sieht der Branchenverband Suisse Éole das Problem, dass auch mit Unterstützung des Windexpress die Realisierung von Projekten weiterhin sehr lange dauern wird.

Wasserkraft im Wasserschloss Schweiz

In der Schweiz kommt der meiste Strom für die Landesversorgung aus der Wasserkraft. Mit einem Anteil von rund 60 Prozent ist sie seit Jahrzenten die tragende Säule im schweizerischen Energiesystem – und sie wird es auch bleiben. In den letzten Jahren gingen nur vereinzelt grössere neue Kraftwerke ans Netz. So konnte Alpiq zusammen mit der SBB, der IWB und der FMV 2022 das 900 MW Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance nach 14-jähriger Bauzeit einweihen und in Betrieb nehmen. Die BKW und Energie Thun weihten im September 2023 das Flusswasserkraftwerk Augand (7,4 MW) an der Kander im Berner Oberland ein. Insgesamt produzieren in der Schweiz gegen 700 Wasserkraftwerke (> 300 kW) Strom aus Wasserkraft. Dies gilt es zu erhalten und wo möglich noch zu optimieren, primär im Bereich der Speicher für den Winter.

Bei der Wasserkraft sind die Projekte, auf die sich der vom Bund einberufene «Runder Tisch Wasserkraft» unter dem Mitwirken von Energieunternehmen wie Alpiq sowie Umwelt- und Naturschutzverbänden Ende 2021 verständigt hat, für die Zukunft von zentraler Bedeutung. Alpiq, für die Wasserkraft Kern ihrer DNA als Schweizer Energieerzeugerin ist, ist an 5 der 15 Projekte beteiligt. Wasserkraft ist das Rückgrat der Schweizer Energieversorgung – und kann in hohem Masse zu einer flexibel steuerbaren Stromproduktion mit den Speicherkraftwerken, die insbesondere im Winter die Versorgungssicherheit stärken, beitragen. Die 15 Projekte sollen bis spätestens 2040 realisiert werden und rund zwei TWh zusätzlichen Strom speichern können und damit die Importabhängigkeit in den Wintermonaten verringern.

Besonders vielversprechend ist das Projekt des Mehrzweckspeichers «Gornerli» bei Zermatt: Durch den raschen Rückzug des Gornergletschers entsteht die Möglichkeit eines neuen Stausees. Mit 650 GWh Speicherkapazität für die Wintermonate würde dieser See einen Drittel des identifizierten Potenzials aller Projekte des runden Tischs Wasserkraft abdecken. Gleichzeitig ist der See auch ein Hochwasserrückhaltebecken, kann zur Bewässerung und als Trinkwasserquelle genutzt werden und bewirkt dadurch eine wertvolle Optimierung des Schutzes von Zermatt und würde sich zugleich auch positiv auf das ganze Mattertal auswirken. Für den Mehrzweckspeicher muss nur eine vergleichsweise kleine Staumauer gebaut werden. Das Wasser soll in den bestehenden, hocheffizienten und leistungsstarken Kraftwerken der Grande Dixence turbiniert werden. Das Projekt befindet sich derzeit im Planungs- und Bewilligungsverfahren und soll - die Unterstützung der kantonalen und umweltpolitischen Akteure vorausgesetzt - im Jahr 2030 in Betrieb genommen werden.

Der Blick in die jüngere Vergangenheit und auf die Projektliste zeigt: der Ausbau in der Schweiz schreitet nur sehr langsam voran. Dies obwohl zahlreiche Projekte vorhanden sind. Einzig im Bereich der Photovoltaik hat sich der Zubau in den letzten vier Jahren stark beschleunigt, primär durch Anlagen auf Dächern von Häusern und Industrieanlagen. Um die Versorgungssicherheit zu stärken und das Klima zu schützen, muss dieser Ausbau beschleunigt werden. Dabei sind wir alle gefordert. Es muss uns gelingen, durch eine breite gesellschaftliche Debatte die Dringlichkeit des Handelns aufzuzeigen, mehr Akzeptanz für eine neue Energieinfrastruktur zu schaffen und immer wieder die Notwendigkeit eines pragmatischen Ausbaus der erneuerbaren Energien zu betonen. Klar ist: Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind Partner. Das eine geht ohne das andere nicht. Und: Wir werden die Herausforderungen nur gemeinsam bewältigen und müssen uns bewusst machen, dass das Gemeinwohl vor Partikularinteressen steht. Es braucht in diesem Sinn ein Mitwirken von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und von allen Seiten die Bereitschaft zu Kompromissen.